• Annette Wagner

Ich bearbeite...also bin ich...

Es wird immer und immer und immer wieder heiß und leidenschaftlich diskutiert. Darf man ein Bild nach dem es aus der Kamera kommt bearbeiten und wenn ja wie viel.


Verwiesen wird dabei gerne auf die "gute alte Zeit" in der ein Bild nur in der Kamera entstanden ist und man danach nichts mehr damit machen konnte. Man musste also die Kamera beherrschen um gute Bilder zu machen. Heute kann man ja fast alles korrigieren...und das ist ja keine Kunst mehr...


Ok...also...die Sache mit dem "guten" an der "guten alten Zeit" gilt ja immer nur mit ein paar kleinen Erinnerungslücken. Also z.B. der Erinnerungslücke, dass es früher auch nur ganz wenige Hobbyfotografen gab, die das Niveau eines heutigen, durchschnittlichen Hobbyfotografen erreicht haben. Ein Hobbyfotograf hatte damals weder die Zeit noch die Ausstattung an eine Profileistung heranzukommen.

Bei schwarz/weiß Bildern ging das noch mit ganz viel Hingabe zum Thema, weil man die Bilder selbst entwickeln konnte. Bei Farbbilder gab es das aber so gut wie gar nicht.

Und natürlich konnten Profis damals die Bilder bearbeiten und haben das selbstverständlich auch gemacht.

Dafür gab es eigene Labore, die man nur mit einem Presseausweis oder einem Gewerbeschein überhaupt betreten durfte. Otto-Normalknipser hat so etwas nie von innen gesehen. Dort gab es Menschen mit inzwischen ausgestorbenen Berufen, die nichts anderes gemacht haben, wie Bilder zu retouchieren und zu bearbeiten. Für Hobbyknipser unerreichbar und unbezahlbar sowieso.


Hulman Languren im Erlebsniszoo Hannover

Heute hat sich hier wirklich sehr viel verändert. Die Ausrüstung ist billiger geworden. Sogar mit einem Handy kann man heute tolle Ergebnisse erzielen. Die Bearbeitung von Bildern ist ebenfalls kein Hexenwerk mehr und für jeden, der sich einen PC leisten kann auch erschwinglich.

Selbst die ehemals teuersten Profianwendungen sind inzwischen "Jedermannsware".


Aber natürlich ist es immer noch nicht "für alle". Denn...allen Unkenrufen zum Trotz...ohne Können geht es immer noch nicht. Es ist für die besten Bilder sogar mehr Können erforderlich, wie früher. Denn der Fotograf macht heute nicht nur die Bilder, er "entwickelt" sie auch. Es gibt kein Labor mit Fachleuten mehr, die einem helfen. Man sitzt vor dem PC und macht fast alles selbst. Selbst Bilder für Kunden ausdrucken machen heute viele Profis selbst.


Dafür kann man Schwächen auf einer Ebene mit Stärken in einer anderen kompensieren. Wer topfit ist mit den Einstellungen seiner Kamera und wer auch sonst alles hat, was ein Fotograf früher gebraucht hat, der kommt mit wenig Bearbeitung aus - sofern die Bilder eben "nur" reine und möglichst getreue Abbilder des Gesehenen sein sollen.

Oder es wird der gewünschte Look bereits bei der Aufnahme erzeugt, was aber in der Regel sehr viel Ausrüstung braucht und bei Tieraufnahmen außerhalb eines Studios nicht umsetzbar ist.

Wer am PC topfit ist, der kann viele Schwächen ausgleichen, wenn er die Bilder im richtigen Format macht. Diese Personen hätten früher vielleicht kein richtig belichtetes Bild zu Stande gebracht und frustriert aufgegeben, sind aber heute zu Höchstleistungen fähig, die nicht von einem "schon beim Aufnehmen tollen Bild" zu unterscheiden sind.


Im Bambushain - Botanischer Garten München

Die Besten sind heute die, die aus beiden Welten alles herausholen können. Toll fotografierte Bilder, großartig nachbearbeitet machen aus einem reinen Abbild ein Kunstwerk. Das Sujet ist dabei eigentlich egal...genauso wie die Gewichtung der beiden unterschiedlichen Teile in der Bilderstellung - Kunst hat viele Gesichter.


Viele Gesichter der Fotografie sind neu und erst durch die "Heirat" der Digitalkamera mit der Bildbearbeitung im PC entstanden. Der Personenkreis, der fotografieren kann ist größer geworden. Die Wege zu einem tollen Bild sind mehr geworden und die Möglichkeiten der Gestaltung haben sich ebenfalls vervielfacht.


Darum sitzen jetzt auch einige Leute vor diesem Berg an Möglichkeiten und wissen nicht mehr wo sie anfangen sollen. Sie sind überfordert...und deswegen auch sauer. Und niemand wird so böse, wie der verprellte Liebhaber, der so gern wollen würde, wenn er denn können könnte...


Da ist man schnell bei der Hand mit Aussagen wie "die Bildbearbeitung verfälscht die Wirklichkeit". Ja...stimmt schon...leider ist es halt so, dass jedes Abbild der Wirklichkeit mit Hilfe eines Geräts (egal ob Zeichenstift oder Kamera) die Wirklichkeit "verfälscht".

Auch der gute alte Rollfilm tut das. Und wer würde sagen, dass die Realität den geliebten Schwarz/weiß Aufnahmen entspricht.


Ja sogar das menschliche Auge macht nichts anderes. Es gibt die Wahrnehmung der Welt an das Gehirn weiter, die seinen organischen Gegebenheiten entspricht. Was unser Gehirn aus diesen Informationen macht, halten wir dann für "die Wirklichkeit". Aber was ist das jetzt genau?

Wirklichkeit...das was ein gesunder, junger Mensch ohne Sehhilfe mit intaktem Sehzentrum im Gehirn sieht? Damit nehmen dann alle Tiere und die meisten Menschen keine "wirkliche Wirklichkeit" wahr. Brillenträger, Kontaktlinsenträger, Rot/Grün Blinde, Menschen mit Augenkrankheiten wie grauem Star im Anfangsstadium, alte Menschen mit eingeschränkter Seeleistung, sehr junge Menschen mit noch nicht ausgebildeter Sehleistung, Menschen mit Störungen im Sehzentrum des Gehirns...alle würden dann die "Wirklichkeit" nicht sehen.


Porträtbüsten - Glyptothek München

Ja aber...wenn man etwas verändert oder weglöscht, was da war, oder etwas hinzumacht, was nicht da war, das ist doch dann tatsächlich zu viel...oder?!?

Gegenfrage...wenn mich ein Ast im Bild stört, was ist besser, den Ast in der Natur abzuschneiden oder per Bildbearbeitung zu entfernen.

Und natürlich gibt es Grenzen. Allerdings keine Grenzen der Kunst, nur Grenzen in der Benennung und Beschreibung.

Die Kunst darf alles mit einem aufgenommenen Bild machen, was dem Kunstzweck dient. Weder erlaubt noch statthaft ist es aber, das Ergebnis falsch zu deklarieren. Also ein bearbeitetes Bild als unbearbeitet zu bezeichnen oder eine Montage nicht als solche zu kennzeichnen. Auch ein Bild eines Tieres in Menschenobhut als Wildlife zu bezeichnen ist Betrug und hat nichts mit Bildbearbeitung ja oder nein zu tun.


Vielleicht ist am Ende das der Kern des Problems. Fotografie haftet nach wie vor an, dass sie ein Intrument ist, um damit die Wirklichkeit zu dokumentieren. Geknipst wie gesehen...natürlich, ungeschminkt, wahrhaftig...dokumentierte Realität...

Alles das kann Fotografie auch tatsächlich bis zu einem gewissen Grad leisten und leistet es heute auch noch immer.

Doch das ist nur ein kleiner Teil. Fotografie ist Kunst...Gebrauchskunst, Alltagskunst und "hohe" Kunst.

Sie hat Malen und Zeichnen im allgemeinen Gebrauch ersetzt. Wo früher gezeichnet und aquarelliert wurde, greift man heute zur Kamera. Aber während man beim Zeichnen und Malen die Kunst, die unterschiedlichen Stilrichtungen, Fähigkeiten ihrer Schöpfer und die Kunstfreiheit selbstverständlich akzeptiert, wird das in der Fotografie noch misstrauisch beäugt.


Viatu - Zoo Frankfurt

Es liegt an den Betrachtern und "Bewertern" von Fotografie, Bilder nach ihrem Gehalt, ihrer Wirkung und ihrer Qualität zu beurteilen. Ob und wie ein Bild bearbeitet wurde spielt nur bei Aufnahmen eine Rolle bei denen es Teil der Aufgabe war, dass die Bearbeitung nur in einem genau festgelegten Umfang erfolgen darf. Bei Reportage und dokumentarischer Fotografie verbieten sich viele Bearbeitungsvarianten. Das gleiche kann für Wildlife Bilder gelten, wenn sie nur unter dem dokumentarischen Charakter verstanden werden.


In allen anderen Fällen, sollte die Bearbeitung keine Rolle mehr spielen. Niemand (außer verrückte Kunsthistoriker) fragt sich heute noch, welche Pinsel Rembrandt wohl benutzt hat oder ob er ein Bild überarbeiten musste. Die Werkzeuge, mit denen eine Fotografie erstellt wurde, sollten uns ebenso gleichgültig werden.


Ein Bild ist fotografisch gelungen oder nicht, die Bearbeitung ist technisch sauber durchgeführt oder eben nicht...ein Bild gefällt oder eben nicht...alles Dinge, die der Betrachter bemerken, kritisieren oder loben darf bzw. soll.


Und denen, die den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen und eigentlich sagen "Hilfe...ich kann das nicht und/oder weiß nicht wo ich anfangen soll"...kann man ja einfach zu mehr Wissen verhelfen. Wenn sie mal wissen, wie das mit dem Bearbeiten geht, hören sie vielleicht von selbst auf zu schimpfen...


Mosaikjungfer - Botanischer Garten München



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